BRIEF AN DR. LIESE   

Vor dem Hintergrund von Überlegungen in Brüssel zu einer Neu-Definition der Freien Berufe hat sich der Vorsitzende Martin Grauduszus an den Europaabgeordneten und Kollegen Dr. Peter Liese gewandt.

  Herrn
    Dr. med. Peter Liese MdEP
    Rue Wirtz, ASP 15 E 218
    B-1047 Bruxelles                                                                                             22.06.2020

 

Sehr geehrter Herr Abgeordneter,
sehr geehrter Herr Kollege Liese,

einmal mehr und sehr eindrucksvoll wurde in den letzten Monaten das Wirken und die Verantwortungsbereitschaft der Ärzteschaft insgesamt dokumentiert. Das gilt für alle Bereiche der ärztlichen Tätigkeit, insbesondere aber für den ambulanten und vorstationären Bereich.

Sechs von sieben Coronafällen konnten ambulant behandelt werden, rund 500 Testzentren im ambulanten Bereich waren tätig, in den Laboren der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte wurden in Hochzeiten täglich bis 110.000 Tests durchgeführt.

Dass hier die niedergelassene Ärzteschaft schnell, effektiv und damit das Gesundheitssystem nachweislich „am Laufen“ gehalten hat, resultiert sicherlich nicht zuletzt aus dem Geist und Impetus der Freiberuflichkeit, die die Kolleginnen und Kollegen nach wie vor – noch! - stützt und antreibt.

Die sorgsam begründete und damit traditionelle Staatsferne der Freien Berufe hat sich in Corona-Zeiten mehr als bewährt: schnell notwendig werdendes Handeln in eigener verantwortungsvoller Tätigkeit ohne Reglementierung oder sogar „Dienstanweisung“ stellen eine eindrucksvolle und nachhaltige Qualitätssicherung der ärztlichen Freiberuflichkeit dar!

Umso bedenklicher muss es uns vor diesem Hintergrund erscheinen, dass es offenbar in Brüssel – geduldet von Berlin – ernsthafte Bestrebungen gibt, die Tätigkeiten und damit den Status der ‚Freien Berufe‘ in Richtung Dienstleistungsgewerbe zu nivellieren.

 Dies wäre nicht nur fatal, sondern auch der Beginn einer nicht verantwortbaren Teil-Demontage des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Allein das Gesundheitswesen hat eine größere Beschäftigungszahl als die Automobilindustrie und insofern auch eine größere Bruttowertschöpfung. Rechnen Sie die weiteren Bereiche der anderen Freien Berufe hinzu, erschließt sich, was hier an Wirtschaftskraft und Stabilisierung des Wirtschaftsstandortes und des sozialen Fundamentes in Eigenverantwortung und Risikobereitschaft für die Allgemeinheit tagtäglich geleistet wird.

 Deshalb appelliere ich an Sie, sehr geehrter Herr Kollege Liese: setzen Sie sich bitte mit Verve für den Erhalt der Freien Berufe – und damit insbesondere auch der ärztlichen Freiberuflichkeit – ein. Trotz Ihrer über zwanzigjährigen verdienstvollen Tätigkeit im Europäischen Parlament werden Sie Ihre Erfahrungen als Arzt in Entwicklungsprojekten, Kinderklinik und Gemeinschaftspraxis nicht vergessen haben.

 Der Arztberuf ist seiner Natur nach ein freier und ärztliche Freiberuflichkeit ist ein Wert an sich und kein Selbstzweck.

 Mit freundlichen kollegialen Grüßen


     Martin Grauduszus
        Vorsitzender

 

 

Vorsitzender: Martin Grauduszus, Bergstr. 14, 40699 Erkrath,
www.hambacher-bund.de